Erwin Binder: Bio-Paradeiser-Raritäten aus dem Seewinkel – Interview

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Erwin Binder ist Bio-Bauer der ersten Stunde bei Ja! Natürlich. Seit 1994 liefert er Gemüse und Kräuter in Bio-Qualität. Begonnen hat Herr Binder mit dem biologischen Landbau auf einer Fläche von ca. 720 m2 unter Folie und ca. einem Hektar im Freiland. Derzeit bewirtschaftet er 5 ha unter Folie und 50 ha im Freiland mit einem Team von 50-60 Mitarbeitern. Die Produktion von Paradeisern stand von Anfang an im Mittelpunkt. Seither hat sich sein Sortiment laufend erweitert. Neugier, Interesse und die Liebe zu Bio sind die Triebfeder für Binders Engagement, in der er Mehraufwand bei manchmal geringeren Erträgen in Kauf nimmt.

Ja! Natürlich:

Mit ihrem Betrieb haben Sie sich unter anderem auf Bio-Paradeiser spezialisiert. Verpackt in der nachhaltigen Zellulosefolie. Warum gerade dieses Gemüse?

Erwin Binder: Abgesehen von der großen Sortenvielfalt ist es ein Gemüse, auf dessen Genuss ich äußerst ungern verzichten würde – vor allem auf die frische Frucht. Es gibt kaum einen Tag im Sommer, an dem ich keine Paradeiser esse, obwohl wir uns sozusagen schon ewig damit beschäftigen. Diese Kultur hat schon in der landwirtschaftlichen Produktion meiner Eltern eine Hauptrolle gespielt. Schon früh habe ich mich mit den besonderen Ansprüchen vertraut gemacht, die die Pflanze in ihrer Aufzucht stellt.

Ja! Natürlich:

Sie bauen viele verschiedene Sorten an, Black Cherry, Green Zebra und German Gold – darunter viele Raritäten, also samenfeste Sorten, die traditionell angebaut wurden. Woher beziehen Sie die Samen?

Erwin Binder: Unser Sortiment umfasst ca. 20 Sorten und jährlich werden an die 100 Sorten getestet, von denen dann aber nur 1-2 Sorten in Frage kommen für die Produktion im nächsten Jahr. Die daraus gewonnenen Samen werden in Gläser abgefüllt und für die nächste Saison aufbewahrt. Raritätensaatgut ist eine Art Leidenschaft. Die Samenvermehrung gehört für mich ganz selbstverständlich zur landwirtschaftlichen Praxis, bei der züchterischen Arbeit sind wir noch relativ am Anfang, aber es macht viel Freude.

Ja! Natürlich:

Unter den Raritäten befindet sich eine Vielzahl von alten und bereits in Vergessenheit geratenen Sorten.  Warum ist Ihnen der Artenschutz ein Anliegen?

Erwin Binder: Für mich ist es vor allem wichtig, dass wir beim Saatgut möglichst autark sind, und nicht noch weiter in die Abhängigkeit von Saatgutkonzernen geraten.

Ja! Natürlich:

Was macht den Geschmack ihrer Sorten so besonders? Welche Faktoren im Anbau haben Einfluss auf Geschmack und Konsistenz?

Erwin Binder: Das relativ trockene und sonnenreiche pannonische Klima, die relativ kargen Böden, Düngung mit Kompost, die Sortenauswahl und die Selektion.

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Ja! Natürlich:

Wann und wie wird geerntet?

Erwin Binder: Die Ernte ist sehr aufwendig, da die Früchte nicht so fest sind wie Hybridsorten (Anm. Redaktion: Hybridsorten sind nicht samenfest und können nicht weitervermehrt werden) und sehr vorsichtig von Hand in die Kiste gelegt werden müssen. Das gleiche gilt beim Verpacken!

Ja! Natürlich:

Haben Sie eine besondere Lieblings-Sorte unter den Raritäten?

Erwin Binder: Meine Lieblingssorte wechselt von Zeit zu Zeit, da kann ich mich nicht festlegen. Zu meinen ständigen Favoriten zählt aber die Sorte German Gold. In Scheiben geschnitten und mit oder ohne einer Prise Salz, erinnert sie mich von ihrer dickfleischigen, fruchtigen Konsistenz und leuchtenden gelbroten Farbe her an eine nicht zu reife Khaki.

Ja! Natürlich:

Der Bio-Landbau muss ohne den Einsatz von chemisch-synthetischen Spritzmitteln und ohne künstliche Dünger auskommen. Ist mit Schädlingsbefall und Pflanzen-Krankheiten zu rechnen?

Erwin Binder: Mit Fruchtwechsel und offenen Nützlingsstreifen (Blühstreifen usw.) versuchen wir, Schädlingen und Krankheiten vorzubeugen. Weiters stehen noch Pflanzenstärkungsmittel in Form von Pflanzenauszügen, Molke und Algenpräparate zur Verfügung.

Ja! Natürlich:

Bedeutet „Bio“ großen Mehraufwand für den Bio-Bauern im Anbau von Gemüse?´

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Erwin Binder: Natürlich ist es ein Mehraufwand, man hat in der Produktion keine „Wundermittel“ zur Verfügung und richtet idealerweise überhaupt große Aufmerksamkeit auf die Bodengesundheit als Fundament unserer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Das erfordert einen entsprechend hohen Arbeitseinsatz, aber damit können wir mittlerweile gut umgehen, und es ist auch immer wieder eine spannende und befriedigende Aufgabe.

Ja! Natürlich:

Was sind Ihre persönlichen Beweggründe, sich für biologischen Landbau entschieden zu haben?

Erwin Binder: Für mich gibt es keinen anderen Weg Landwirtschaft zu betreiben, sobald man diese aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachtet. Und das schließt auch die anzustrebende Unabhängigkeit von Saatgut- und Pflanzenschutzmittelkonzernen mit ein.

Ja! Natürlich:

Geben Sie Bio in Österreich eine Zukunft?

Erwin Binder: Natürlich! Es müssen allerdings nicht immer 2-stellige Wachstumsraten sein. Ich glaube, der Markt muss sich erst festigen und die großen Zusammenhänge im biologischen Landbau dürfen dabei nicht verloren gehen.

"„Gesunder Boden, gesunde Pflanzen, gesunder Mensch“ - dem kann ich nur beistimmen, denn viele chemisch-synthetische Stoffe, die in den Kreislauf gebracht werden, sind nur schwer oder überhaupt nicht abbaubar und finden sich in der Reihenfolge Boden, Pflanzen, Mensch wieder. "

Ja! Natürlich:

Herr Binder, wir danken für das Gespräch.

Video: Wo die Ja! Natürlich Paradeiser- und Gurkenraritäten wachsen

Die Gastgeberin unsere Frühstückspension.at war im Rahmen einer Special-Folge zu Gast bei Erwin Binder und hat sich den Betrieb genau angesehen. Hier könnt ihr euch selbst beim Raritätenprofi umsehen:

Über Bio-BloggerIn Ulli73 Artikel

Bio-Bloggerin mit Herzblut. Die schönen Dinge des Lebens (Natur, Garten, Essen, Texten, Fotografieren) standen schon seit jeher auf meiner Lebensagenda. Wie schön, bei Ja! Natürlich gelandet zu sein, wo ich all die Bereiche, denen meine Leidenschaft gehört, umsetzen kann. Eine vielseitig spannende und interessante Herausforderung, die mir tagtäglich Einblicke in die anspruchsvolle [...]

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